Digital-Unternehmen statt Werkbank: Wo Menschen unter 30 arbeiten wollen

Philipp SchneiderHead of Marketing
November 14, 2022, 12:30 PM GMT+0

Der „War for Talents“ ist in vollem Gange, Firmen mit digitalem Fokus liegen bei jüngeren als Arbeitgeber hoch im Kurs, zeigt ein aktuelles YouGov-Arbeitgeber-Ranking.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist in der Bredouille: Immer mehr Stellen und vor allem Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Praktisch alle Branchen sind mehr oder minder gleich stark betroffen. Selbst große, bekannte Konzerne haben Probleme, Ausbildungsplätze und freie Stellen für Fachkräfte zu besetzen und suchen händeringend nach Personal.

Vor diesem Hintergrund haben wir einen Blick auf die in unserem Markenmonitor YouGov BrandIndex ermittelte Arbeitgeber-Reputation geworfen, um einmal zu schauen, welche der mehr als 1500 auf dem deutschen Markt getrackten Marken sich in der Zielgruppe der 18-bis-29-Jährigen am besten positionieren können.

Netflix führt Arbeitgeber-Ranking unter Jüngeren an

Für mehr als die Hälfte der 18-bis 29-Jährigen liegt der Fall klar: Netflix ist für sie der Arbeitgeber, bei dem sie am liebsten arbeiten würden. Knapp dahinter landet das deutsche Industrietechnik-Unternehmen Bosch auf dem zweiten Platz. Platz 3 erreicht der Online-Bezahldienst PayPal, dicht gefolgt vom Technologieunternehmen Apple. Der Automobilhersteller Mercedes-Benz rundet die Top 5 des deutschen Arbeitgeber-Rankings ab.

Der japanische Video-Spiele-Hersteller Nintendo ist für etwas mehr als vier von zehn Angehörigen der Zielgruppe ein Wunsch-Arbeitgeber, ebenso wie der amerikanische Sportartikel-Hersteller Nike. Auf Rang 7 finden sich die traditionsreichen Steigenberger Hotels. Nicht nur hinsichtlich des Umstands, dass nach aktuellen Zahlen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages 67 Prozent der Unternehmen im Gastgewerbe offene Stellen nicht besetzen konnten, sollte die Platzierung in den Top 10 eine gute Nachricht für Steigenberger sein. Der nächste Mitbewerber aus der Hotellerie-Branche findet sich erst viel weiter hinten im Ranking. Mit dem Werkzeug-Hersteller Makita befindet sich ein Mitbewerber von Bosch, zumindest in einem Teilsegment, in den Top 10 der beliebtesten Arbeitgeber der unter 30-Jährigen. Die Top 10 werden schließlich von Audi abgerundet.

Sichtbarkeit spielt große Rolle

Schauen wir auf die Top 10, fällt ins Auge, dass es sich mehrheitlich um Unternehmen aus der Digital-Branche handelt, die die jungen Menschen begeistern, sowie traditionell starke und bekannte Marken wie Bosch, Nike, Mercedes-Benz und Audi. Sie weisen auch allgemein ein hohes Markenimage auf. Gleichzeitig spielen die meisten der hier gut abschneidenden Marken in der Lebens- und Erfahrungswelt der Zielgruppe oft eine alltägliche Rolle mit hoher Sichtbarkeit. Diese ist im „War for Talents“, dem Kampf um die Arbeitskräfte der Unternehmen, wichtig.

Gleichzeitig ist Sichtbarkeit eine Stellschraube, die für Unternehmen beeinflussbarer ist, als es gesamtgesellschaftliche Entwicklungen sind, wie demographischer Wandel oder sich verändernde Erwartungen an das Arbeitsumfeld, unter anderem durch die Coronapandemie. Aktuell gibt beispielsweise mehr als die Hälfte der 18- bis-29-Jährigen unseren Daten nach an, lieber zu Hause zu arbeiten als im Büro.

Allerdings sind auch hier die Voraussetzungen ungleich verteilt: Ein kleinerer Betrieb verfügt nicht über die Arbeits- und Kommunikationsmöglichkeiten großer Unternehmen. Und Handwerksbetriebe können ohnehin kein Homeoffice anbieten. Image-Kampagnen wie „Das Handwerk“ des Zentralverbands des Deutschen Handwerks leisten hier einen wichtigen Beitrag, um handwerkliche Berufe wieder attraktiv zu machen. Die Kampagne zahlt auf die Gesamtwahrnehmung ein und erreicht die Zielgruppe, wie wir 2019 bereits zeigen konnten.

Like a Bosch

Auch wenn Netflix für eine Mehrheit der Zielgruppe hierzulande ein Traumarbeitgeber wäre, der unter anderem mit einem sehr offenen und modernen Führungsstil und viel wahrgenommener persönlicher Freiheit punkten kann, wird ein Job beim Streaming-Dienst doch für die meisten eher ein Traum bleiben. Erfolgversprechender ist der Blick etwa auf Bosch. So konnten diesjährig alle 1400 offenen Ausbildungs- und dualen Studienplätze besetzt werden.

Auch wenn beide Unternehmen auf den ersten Blick nicht viel verbindet, so teilen sie eine Gemeinsamkeit, die auch Teil der Außenwirkung ist: Top-Bewertungen auf Jobportalen. Im Falle von Netflix würden laut der Jobbörse Glassdoor 86 Prozent jener, die eine Bewertung abgegeben haben, das Unternehmen einem Freund empfehlen. Ähnlich sieht es bei Bosch aus. Mitarbeiter bewerten die Unternehmenskultur sehr positiv, und die Firma wurde von der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter „Best Work Place“, „Most Wanted Employer“ und „Top Company 2022“.

Unternehmen müssen als Arbeitgeber anpassungsfähig bleiben

In den letzten Jahren hat sich die Situation des Fachkräftemangels noch einmal deutlich verstärkt, und die Herausforderungen werden wahrscheinlich weiterwachsen, auch unter den momentan schwierigen wirtschaftlichen Voraussetzungen: In einer aktuellen Prognose der EU-Kommission wird davon ausgegangen, dass sich negative Effekte der Wirtschaftslage auf den Arbeitsmarkt erst verspätet zeigen, dieser aber stabil bleibt. Da sich die Lage auf absehbare Zeit nicht entspannen wird, wird es für Unternehmen und Branchenverbänden noch wichtiger, als Arbeitgeber gekonnt auf sich aufmerksam zu machen.

 

So erschienen auf den Seiten der WirtschaftsWoche.