Jeder Dritte in Europa hat Schwierigkeiten, lebensnotwenige Ausgaben zu bestreiten

Martha PosthofenSenior Executive Political Research
Lea KönigshofenExecutive Political Research
December 13, 2022, 7:45 AM GMT+0

Der aktuelle Inflations-Tracker:  Seit September 2022 monatlich aktuelle YouGov-Daten zu Inflation und Lebenshaltungskosten in sieben europäischen Ländern

In ganz Europa treiben Inflation und Energiekrise die Preise in die Höhe. Wie die Europäerinnen und Europäer mit den Preissteigerungen zurechtkommen, zeigt der Inflations-Tracker von YouGov, der seit September 2022 monatlich die Einstellungen zu Lebenssituation und Politik in den folgenden sieben europäischen Ländern erhebt: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien, Schweden und Dänemark.

Etwa ein Drittel (32 Prozent) der befragten Europäer gibt in Bezug auf die eigene finanzielle Situation im November an, nur knapp oder gar nicht die lebensnotwenigen Ausgaben wie Lebensmittel oder Heizkosten bestreiten zu können. Fragt man genauer danach, ob es in den letzten drei Monaten beispielsweise Schwierigkeiten beim Lebensmittelkauf gab, gibt ein knappes Viertel (23 Prozent) der Deutschen an, meistens oder immer Schwierigkeiten gehabt zu haben. In Großbritannien (15 Prozent), Dänemark (13 Prozent), Schweden (15 Prozent) und Spanien (14 Prozent) trifft dies auf deutlich weniger Menschen zu. In Frankreich (28 Prozent) und Italien (30 Prozent) hatten hier hingegen mehr Menschen Schwierigkeiten. In Italien geben die Befragten außerdem besonders häufig an, nur schwer ihre Miete bestreiten zu können: Vier von zehn (40 Prozent) Italienerinnen und Italiener geben an, hier zumindest gelegentlich Schwierigkeiten zu haben. In den anderen Befragungsländern trifft ein Viertel (26 Prozent) diese Aussage.

Vor dem Hintergrund gestiegener Lebenshaltungskosten haben sechs von zehn (62 Prozent) der Befragten der genannten sieben Länder bereits Kürzungen bei ihren gewohnten Ausgaben vorgenommen. Dabei haben die Befragten aus Frankreich (67 Prozent), Spanien (66 Prozent) und Italien (68 Prozent) etwas häufiger Kürzungen vornehmen müssen, Deutschland (59 Prozent) befindet sich mit Dänemark (59 Prozent) und Schweden (55 Prozent) leicht unter dem Schnitt. Ein noch größerer Teil der befragten Europäer geht dabei davon aus, (weitere) Kürzungen vornehmen zu müssen. Gut zwei Drittel (67 Prozent) der Deutschen erwarten, (weitere) Kürzungen in ihren Ausgaben zu machen. Damit liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. In Frankreich (78 Prozent) und Großbritannien (72 Prozent) ist die Sorge vor weiteren Einschränkungen besonders hoch. In Dänemark (48 Prozent) ist die Perspektive in Bezug auf Einschränkungen mit Abstand am niedrigsten. 

Überwiegend große Kritik an Regierungen beim Umgang mit erhöhten Lebenshaltungskosten

Obwohl die jeweiligen Regierungen in den befragten Ländern entsprechende Programme zur Unterstützung von Haushalten und Unternehmen auf den Weg gebracht haben, ist die Kritik an den nationalen Regierungen hoch. In Deutschland drücken etwa drei Viertel der Befragten (74 Prozent) Kritik aus und geben an, dass die Regierung schlecht mit dem Thema Lebenshaltungskosten umgehe. Dabei sehen vor allem Befragte aus den ostdeutschen Bundesländern den Umgang der Regierung mit der Krise kritisch (77 Prozent, im Vergleich zu 73 Prozent der Befragten aus den westlichen Bundesländern).

Im Vergleich zu den Vormonaten ist in Deutschland im November jedoch tendenziell eine leichte Verbesserung zu erkennen: So drückten im September noch 78 Prozent und im Oktober 76 Prozent ihre Unzufriedenheit mit der Regierung aus. Gründe für die leichte Verbesserung der Werte könnten die verschiedenen von der Regierung beschlossenen Maßnahmen – wie etwa die Soforthilfe durch Einmalzahlungen für Gas- und Fernwärmekundinnen und -Kunden oder die Anpassung des Steuersystems an die hohe Inflation – sein.

Aber auch in den anderen im Inflations-Tracker befragten Ländern ist die Kritik an der Regierung hoch. Angesichts der aktuellen Finanzkrise in Großbritannien ist es wenig überraschend, dass vier von fünf Befragten (80 Prozent) angeben, die Regierung gehe eher schlecht mit dem Thema Lebenshaltungskosten um. Dazu passen auch die konstant fallenden Zustimmungswerte des Premierministers Rishi Sunak seit seinem Amtsantritt im Oktober 2022 sowie während seiner vorherigen Funktion als Schatzkanzler. Darüberhinaus glauben nur 2 Prozent der Befragten, dass es in Großbritannien in einem Jahr einen wirtschaftlichen Boom geben wird, 70 Prozent denken, dass sich das Land in 12 Monaten in einer Rezession oder Depression befinden wird.  

Auch in Spanien (73 Prozent) und Frankreich (69 Prozent) gibt die Mehrheit der Befragten an, die Regierung gehe schlecht mit dem Thema um. Am wenigsten kritisch geben sich die Däninnen und Dänen: Hier drücken im Vergleich nur 52 Prozent der Befragten Kritik aus, wogegen ein Drittel (34 Prozent) angibt, die Regierung gehe (eher) gut mit dem Thema Lebenshaltungskosten um.

Seit September steigende Zufriedenheit mit Regierung in Bezug auf Lebenshaltungskosten in Italien

Die größte Veränderung im Vergleich zu den Vormonaten lässt sich in Italien beobachten. Seit dem Amtsantritt der neuen Regierungschefin Giorgia Meloni, Parteichefin der rechtsradikalen Fratelli d’Italia, nimmt die Kritik an der Regierung in Bezug auf die Inflationskrise ab. Während im September noch 82 Prozent angaben, die Regierung gehe schlecht mit der Situation um, waren es im Oktober 74 Prozent und im November nur noch 62 Prozent. Jeder fünfte Befragte in Italien bewertet den Umgang der Regierung mit dem Thema Lebenshaltungskosten aktuell als (eher) gut (22 Prozent). Nach dem überraschenden Sturz des Premiers Mario Draghi im Juli könnte der Aufwärtstrend in der Regierungsbewertung unter anderem ein Ausdruck von Erleichterung über stabile Regierungsverhältnisse sein. In Bezug auf die steigenden Kosten hatte Meloni Anfang November angekündigt, weitere Staatsschulden aufzunehmen, um Familien und Unternehmen finanziell zu unterstützen. Weiterhin plant die italienische Regierung neue Erdgasvorkommen zu erschließen.

 

Foto: Marcus Brandt/dpa