Zeitenwende 2.0 – Wie Europäerinnen und Europäer die transatlantischen Beziehungen wahrnehmen

Frieder SchmidAccount Director Political Research Germany
Matthew SmithHead of Data Journalism
Anne-Kathrin SonnenbergPR Lead Mainland Europe
Februar 13, 2026, 8:28 vorm. GMT+0

Aktuelle YouGov-Daten (Januar 2026) über die transatlantischen Beziehungen zwischen Europa und den USA

Europäerinnen und Europäer stehen den USA zunehmend kritischer gegenüber. Ihnen ist wichtiger, dass Europa unabhängig ist als das transatlantische Verhältnis um jeden Preis zu kitten. Doch sind sie bereit, die Kosten dafür zu tragen?

Während Donald Trump inzwischen offenbar eine weitgehend symbolische Lösung im Grönland-Konflikt zu akzeptieren scheint, haben die Androhungen einer möglichen amerikanischen Militäroperation zur Einnahme der Insel die transatlantischen Beziehungen tief erschüttert. Neue Trackingdaten aus der internationalen YouGov-Politikbefragung in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien vom 9. bis 27. Januar 2026, zeigen: Das Ansehen der USA hat sich infolge der Grönland-Krise weiter verschlechtert – in fünf dieser Länder ist es so negativ wie nie seit Beginn der Erhebungen 2016.

Wenig überraschend ist das Ansehen der USA in Dänemark, zu dessen autonomen Gebieten Grönland gehört, am schlechtesten: 84 Prozent der Dänen blicken inzwischen negativ auf die USA – gegenüber 70 Prozent im November 2024 (im Vergleich: im Durchschnitt hatten 36 Prozent der Dänen während Joe Bidens Amtszeit als US-Präsident ein negatives Bild von den USA).

Aber nicht nur das Ansehen der USA ist heute schlechter als früher, die Europäer sind zunehmend der Überzeugung, dass die USA kein befreundetes Land mehr ist. Die Zahl der Europäerinnen und Europäer, die die USA entweder als Freund und Verbündeten oder zumindest als freundschaftlichen Rivalen sehen, ist seit der letzten YouGov-Befragung im Jahr 2023 deutlich gesunken.

Nirgendwo wird dies deutlicher als in Dänemark, wo nur 26 Prozent der Dänen die USA als Verbündeten oder als befreundete Nation betrachten. Im Jahr 2023 waren es noch 80 Prozent.

Weniger als die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger in Spanien (39 Prozent), Deutschland (41 Prozent) und Großbritannien (46 Prozent) sehen Amerika weiterhin als freundlich oder als Verbündeten, in Italien (52 Prozent) und Frankreich (53 Prozent) sind es etwas mehr als die Hälfte.

Wie nehmen Bürgerinnen und Bürger Europa im Vergleich zu den USA wahr?

Obwohl in Europa und den USA diskutiert wurde, dass Europa im Falle einer Eskalation der Grönlandkrise wirksame wirtschaftliche Instrumente hätte einsetzen können, zeigen die Ergebnisse der YouGov-Umfrage, dass die meisten Europäerinnen und Europäer die USA wirtschaftlich, aber auch diplomatisch und militärisch, stärker einschätzen als Europa.

Dänemark bildet die Ausnahme: Zwar glauben 75 Prozent der Dänen, dass die US-Streitkräfte stärker sind als die europäischen, doch nur 34 Prozent halten die USA für wirtschaftlich überlegen und 32 Prozent für diplomatisch stärker.

In dieser Situation erwarten viele Europäerinnen und Europäer, dass Europa die Präsidentschaft von Donald Trump einfach aussitzen kann und die US-Außenpolitik gegenüber Europa nach Trump wieder so sein wird wie früher.

Diese Annahme ist besonders in Dänemark (57 Prozent) verbreitet. Aber auch zwischen 46 Prozent und 51 Prozent in Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien stimmen ihr zu – nur zwischen 22 Prozent und 27 Prozent glauben, dass sich die US-Außenpolitik gegenüber Europa inzwischen dauerhaft geändert hat.

In Deutschland ist die öffentliche Meinung anders. Die Deutschen sind gespalten: 39 Prozent erwarten nach Trump eine Rückkehr zur „Normalität“, 41 Prozent glauben dagegen, dass sich Amerikas Haltung gegenüber dem Kontinent nicht ändern wird.

Die transatlantischen Beziehungen bewahren oder für die Unabhängigkeit Europas einstehen: Wo stehen Europäerinnen und Europäer?

Die Grönlandkrise zeigt, dass Europa letztlich vor zwei Möglichkeiten steht: Eine untergeordnete Rolle gegenüber den USA im westlichen Bündnis zu einzunehmen oder selbstbewusst für die Unabhängigkeit Europas in der Welt einstehen.

In fast allen Ländern möchten Bürgerinnen und Bürger, dass Europa seine Unabhängigkeit bewahrt, auch wenn das bedeutet, dass sich die transatlantischen Beziehungen verschlechtern. Wenig überraschend sind die Dänen mit 55 Prozent am ehesten dieser Ansicht.  Frankreich bildet eine Ausnahme: Die französische Öffentlichkeit ist gespalten. 41 Prozent möchten die Unabhängigkeit Europas und seine Werte bewahren, 39 Prozent finden, dass es wichtiger ist, das Bündnis mit den USA zu bewahren.

Die meisten Bürgerinnen und Bürger in Europa sind dafür, dass Europa stärker zusammenwächst, falls das Bündnis zwischen den USA und Europa zerbrechen sollte.

Zwischen 46 Prozent und 63 Prozent sind für eine stärkere europäische Integration –deutlich mehr als die Zahl derer, die eine stärkere europäische Integration ablehnen.

Die Ergebnisse einer anderen Frage aus dieser YouGov-Befragung deuten darauf hin, dass die Grönlandkrise die öffentliche Meinung zur europäischen Integration nicht grundsätzlich beeinflusst hat. Wenn Europäerinnen und Europäer ganz generell nach ihrer Meinung zu einer stärkeren europäischen Integration gefragt werden, fällt die Zustimmung deutlich geringer aus. Zwischen 24 Prozent in Dänemark und 52 Prozent in Spanien sagen, dass sie eine stärkere Integration der EU-Länder wünschen. Die Zustimmung zu einer stärkeren EU-Integration hat sich seit Oktober 2025 nicht grundlegend verändert.

Obwohl Europäerinnen und Europäer im hypothetischen Fall einer Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen offenbar bereit wären, eine stärkere Integration zu unterstützen, deutet die gleichbleibende Zustimmungswerte zur EU-Integration darauf hin, dass Europäerinnen und Europäer die transatlantischen Beziehungen noch nicht am Ende sehen.

Foto: Alex Brandon/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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