Frauen-Profisport bleibt hinter seinen Potenzialen zurück

Frauen-Profisport bleibt hinter seinen Potenzialen zurück
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In einer internationalen Umfrage analysieren wir die Beliebtheit, Wahrnehmung und Potenziale von Frauen-Profisport. Der Unterschied zwischen den Ländern ist groß. Und es gibt Möglichkeiten, die Diskrepanz in der Wahrnehmung zwischen Männer- und Frauen-Sport zu verringern.

Eigentlich wäre für die Fußball-Europameisterschaft der Männer, die aktuell stattfindet, gar kein Platz gewesen. Für den Sommer 2021 war nämlich regulär die Fußball-EM der Frauen geplant. Sie hätte stattfinden können, ohne verschoben werden zu müssen. Die UEFA hat sich allerdings dafür entschieden, die Fußball-EM der Männer wegen der Coronapandemie vom Jahr 2020 auf 2021 zu verschieben. Und weil anscheinend klar gewesen wäre, dass sich nur wenige für die EM der Frauen interessiert hätten, wenn sie mehr oder weniger gleichzeitig mit der der Männer ausgetragen würde, hat die UEFA die Frauen-EM auch gleich um ein Jahr verschoben.

Der UEFA-Präsident Aleksander Čeferin befürchtete jedenfalls den Verlust von Aufmerksamkeit und begründete das so: „Durch die Verschiebung der UEFA Women’s Euro um ein Jahr stellen wir sicher, dass der Vorzeigewettbewerb des Frauenfußballs das einzige große Turnier des Sommers bleibt und somit seine wohlverdiente Aufmerksamkeit erhält.“

Die EM der Männer gleich um zwei Jahre auf 2022 zu verschieben, war wohl keine Option – auch, weil dann die Fußball-WM der Männer in Katar stattfindet.

Italiener haben größtes Interesse an Profisport der Frauen

Mit der „wohlverdienten Aufmerksamkeit“ ist es so eine Sache. Zwar werden die Spiele der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft im Fernsehen übertragen, doch die Einschaltquoten unterscheiden sich deutlich: Das Vorrunden-Spiel mit der höchsten Einschaltquote der deutschen Frauen gegen Spanien bei der WM 2019 guckten sich 6,2 Millionen Menschen in Deutschland an. Das kürzlich übertragene EM-Spiel der Männer Deutschland gegen Ungarn schauten rund vier Mal so viele.

Die Einschaltquoten sind ein guter Indikator dafür, wie unterschiedlich Männer- und Frauensport wahrgenommen wird, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das zeigt unsere Analyse „Women in Sport Report 2021 – The growth in women’s sport – and what it means for marketers“, für die wir kürzlich rund 16.000 Personen in 13 Märkten weltweit befragt haben.

40 Prozent der weltweit Befragten geben an, Profisport der Männer zu verfolgen. Ungefähr die Hälfte, 19 Prozent, sagen das für den Profisport der Frauen. Einen Unterschied gibt es auch zwischen den Geschlechtern der Zuschauer: Frauen verfolgen generell deutlich weniger Profisport, der Unterschied zwischen dem Konsum von Profisport der Männer und Frauen ist unter ihnen aber deutlich geringer ausgeprägt als bei den Männern. Man könnte auch sagen: Frauen interessieren sich zwar nicht gleich stark, aber doch deutlich ausgeglichener für Männer- und Frauen-Profisport als die männlichen Zuschauer.

Im internationalen Vergleich rangiert Deutschland im Mittelfeld. Das Land mit dem höchsten Anteil an Interessierten am Frauen-Profisport unter den von uns untersuchten Ländern ist Italien mit 33 Prozent. Das geringste Interesse zeigen die Briten mit 12 Prozent. 18 Prozent der Deutschen geben an, Frauen-Profisport zu verfolgen.

Zudem fragten wir, ob diejenigen, die sich generell für Sportübertragungen interessieren, mehr den Männersport oder mehr den Frauensport verfolgen – nicht viele nannten den Frauensport. Die beiden Länder mit dem höchsten Anteil (jeweils 16 Prozent): China und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Dass der Männersport noch mehr Aufmerksamkeit erzeugt als der der Frauen, ist keine Überraschung. Die teils großen Unterschiede zwischen den Ländern zeigen uns aber, dass es Stellschrauben gibt, die Einfluss auf das Interesse am Frauensport haben können.

Die beliebtesten Sportarten beim Frauen-Profisport

Die meisten der von uns in 13 Märkten Befragten verfolgen beim Profisport der Frauen Fußball. Dann kommt Badminton, was zum Beispiel in Indonesien und Indien sehr beliebt ist. Auf Platz drei bis fünf folgen Basketball, Tennis und Volleyball.
Tennis nimmt hier eine gewisse Sonderrolle ein, weil es eine weltweit beliebte Sportart mit einer hohen medialen Präsenz ist und zudem von Einzelsportlerinnen ausgeübt wird. Insofern ist es erklärbar, dass die drei weltweit bekanntesten Sportlerinnen Tennisspielerinnen sind: Serena Williams, Maria Scharapowa und Naomi Osaka. Mit großem Abstand folgen Simone Biles (Turnen), Lindsey Vonn (Abfahrtsski), Megan Rapinoe und Alex Morgan (beide Fußball).

Qualitätswahrnehmung des Frauen-Profisports hat sich gebessert

Im weltweiten Durchschnitt nehmen die meisten Menschen eine Qualitätssteigerung des Frauensports wahr; 68 Prozent stimmen dieser Aussage zu. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind aber groß. Während in Indien, Spanien und Mexiko mindestens 74 Prozent der Befragten diese Aussage treffen, sind es in Schweden, Deutschland und den USA nur maximal 46 Prozent. Auch diese Daten zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, die Beliebtheit und die Wahrnehmung des Frauen-Sports zu beeinflussen. Diese sind zum Beispiel:

  • Mehr Frauensport im Fernsehen zeigen: 41 Prozent aller Personen in den 13 befragten Märkten geben an, dass sie sich Sport der Frauen ansehen würden, wenn es mehr davon im TV gäbe.
  • Mehr darüber berichten: 40 Prozent sehen die begrenzte Medienberichterstattung über Frauensport-Ereignisse oder -Turniere als Grund, sich nicht so stark damit zu beschäftigen wie mit Männersport.
  • Teams und Verbände könnten selbst dafür sorgen, sich bekannter zu machen, etwa durch entsprechendes Marketing. 35 Prozent aller Befragten nennen mangelnde Kenntnisse über die Sportlerinnen als Hindernis, sich mehr zu interessieren.
  • Sponsoren könnten das Potenzial erkennen: Vor allem Frauen sind mit Blick auf den Frauen-Profisport eine interessante Zielgruppe. Frauen haben tendenziell eine große Kaufkraft im Haushalt und nehmen das Sponsoring einer Marke im Bereich Frauensport viel positiver wahr (46 Prozent) als das Sponsoring im Männersport-Bereich (31 Prozent).

Vermutlich wird der Profisport der Männer noch viele Jahre beliebter bleiben als der der Frauen. Die Daten aus unterschiedlichen Ländern zeigen aber, dass das kein Naturgesetz ist. Sportlerinnen, Teams, Vereine, Verbände, Unternehmen, Sponsoren und Medien können, wenn sie wollen, durch entsprechende Maßnahmen die Aufmerksamkeit auf den Frauensport lenken und das Interesse für ihn steigern.

So erschienen auf WirtschaftsWoche Online

Für einen umfassenderen Blick in die Daten und die internationalen Unterschiede in der Wahrnehmung des Frauen-Profisports kann die vollständige Studie hier heruntergeladen werden.

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