Commerzbank und Comdirect: Kunden haben bei der Fusion einiges zu verlieren

Commerzbank und Comdirect: Kunden haben bei der Fusion einiges zu verlieren

Durch die Fusion mit der eigenen Tochter könnte die Commerzbank junge Menschen an sich binden und Aktiendepots attraktiver machen. Nicht alle Bestandskunden sind aber bereit für mehr Online- und weniger Offline-Banking.

Es ist beschlossene Sache: Die Comdirect Bank wird in die Commerzbank eingegliedert. Die Kunden wurden nicht gefragt, nur die Aktionäre. Wie Verbraucher über die beiden Marken denken, zeigen YouGov-Daten. Unser BrandIndex lässt keinen Zweifel aufkommen, dass vor allem die Comdirect-Kunden einiges zu verlieren haben: Sie gehören zu den zufriedensten Bankkunden in Deutschland.  Für Commerzbank-Kunden steht allerdings eine Ausdünnung des Filial- und Geldautomatennetzes zu befürchten – und von diesen könnte eine geringere Vor-Ort-Präsenz als deutlicher Nachteil wahrgenommen werden: Laut Zielgruppen-Analyse-Tool YouGov Profiles legen sie im Vergleich zu Comdirect-Kunden mehr Wert auf Offline-Shopping und bevorzugen häufiger Bargeld.

„Unsere Kunden werden in der Commerzbank mehr Comdirect erleben“, sagte Vorstandsvorsitzender Martin Zielke laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Was als Versprechen gemeint war, könnten diejenigen Commerzbank-Kunden, die Wert auf Beratung legen – immerhin 56 Prozent – als Drohung auffassen. Bei der Bank hofft man zwar, dass die Kunden während der Coronakrise das Smartphone-Banking lieben gelernt haben und deshalb Filialen in Zukunft weniger vermissen werden, schließlich funktioniert auch Beratung virtuell. Aber laut unseren repräsentativen Befragungen sind viele Commerzbank-Kunden noch abhängig von Filialen: nur 68 Prozent geben an, ein Online-Girokonto zu haben.

Nur wenige haben Aktien

Die Chance der Fusion liegt für die Commerzbank darin, das Beste aus beiden Welten zu bieten – online und offline. Denn es gibt auch viele Commerzbank-Kunden, die schon Direktbank-Erfahrung haben. Am häufigsten haben sie ein Zweitkonto bei der ING. Auch bei der Consorsbank haben viele ein (Depot-)Konto, wohl vor allem, um Aktien und Fonds zu handeln.

Gelingt es der Commerzbank nach dem Zusammenschluss mit der Comdirect Bank etwa ein attraktiveres Angebot für Online-Aktiendepots zu schnüren, könnte das diese Kunden wieder stärker an die Commerzbank binden. Andere Kunden könnte es auf neue Ideen bringen: Bisher haben nur 28 Prozent der Commerzbank-Kunden ein Aktiendepot, im Vergleich zu 47 Prozent der Comdirect-Kunden.

In YouGov-Profiles haben wir die beiden Banken für eine Analyse schon einmal virtuell fusioniert. So können wir uns ein Bild von der zukünftigen Kundenstruktur des Hauses machen. Im Vergleich zum Durchschnitt der Kunden anderer Banken sind die Kunden von Comdirect und Commerzbank zusammen genommen sehr städtisch und gebildet.  Männer sind überrepräsentiert, während die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen stark unterrepräsentiert ist. Diese Alterskohorte wickelt ihre Bankgeschäfte mit großem Abstand vor allem bei Sparkassen ab, gefolgt von Volks- und Raiffeisenbanken.  Die Commerzbank allein liegt bei den jungen Kunden auf dem dritten Platz.

Nachfolgebank für Nestflüchter

Durch die Fusion könnte es der Bank besser gelingen, diese Zielgruppe für sich zu gewinnen, wenn sie etwa beim Auszug aus dem Elternhaus eine Alternative zur lokalen Sparkasse oder Volksbank suchen. Denn bisher zeigen unsere Daten, dass die Commerzbank zwar etwas attraktiver erscheint, wenn die Kunden älter werden;  der Abstand zu Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen verkürzt sich. Aber auf der Attraktivitätsskala wird sie von der ING überholt, die sogar an Volks- und Raiffeisenbanken vorbeizieht. Der gute Draht der Commerzbank zur jüngsten Zielgruppe geschickt gepaart mit der Direktbank-Kompetenz der Comdirect könnte dazu führen, dass die fusionierte Bank für Berufseinsteiger attraktiv bleibt.

So erschienen auf WirtschaftsWoche Online.

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