Analyse: Welches Menschenrecht ist am wichtigsten?

Analyse: Welches Menschenrecht ist am wichtigsten?
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Eine Umfrage in sieben europäischen Ländern und den USA zeigt Unterschiede im Hinblick auf den Wert unterschiedlicher Menschenrechte.

Soweit ich weiß, ist Nordkorea der einzige Staat der Erde, dessen Bürger noch nie befragt wurden. Überall sonst ist es möglich, herauszufinden, wie die Leute zumindest zu einigen Fragen denken, und in den zahlreichen Demokratien können wir beinahe zu jedem strittigen sozialen oder politischen Problem eine Umfrage erstellen. Innerhalb von weniger als einem Jahrhundert (und in vielen Ländern in weniger als einem halben) haben Meinungsumfragen den Menschen eine neue Art von Stimme gegeben.

Vor diesem Hintergrund habe ich für meinen letzten Artikel, den ich in meiner Position als Präsident der YouGov-Gruppe schreibe, ein ganz besonderes Thema ausgesucht. Der Bedeutungs- und Möglichkeitsgewinn der Meinungsforschung in vielen Ländern verlief parallel zur Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten. Und nun können wir etwas tun, was unsere Großeltern nicht konnten: Wir können die Menschen in mehreren Ländern gleichzeitig – in diesem Fall in sieben europäischen Ländern und den USA – fragen, welche Menschenrechte ihnen besonders viel bedeuten.

Dazu haben wir individuelle Menschen- bzw. Bürgerrechte, wie sie in den entsprechenden Erklärungen der Vereinten Nationen und des Europäischen Rates oder in den „Bill of Rights“ der USA und Großbritanniens genannt werden, ausgewählt. Ergänzt werden sie durch einzelne Rechte, über die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder diskutiert wurde.

Dadurch entstand eine umfangreiche Liste von insgesamt dreißig Punkten – zu groß, um in einer Umfrage abgefragt zu werden. Deshalb konnten die Befragten aus zweimal 15 Rechten die jeweils 5 ihrer Meinung nach wichtigsten auswählen. Dabei zweifeln sie natürlich nicht zwangsläufig jene Rechte an, die nicht unter den zehn wichtigsten landen – die Befragten halten nur andere Rechte für wichtiger.

Entdecken sie in unserer interaktiven Grafik, welche Rechte in welchen Ländern für besonders wichtig gehalten werden:

Zahlen geben an, welcher Anteil der Befragten das jeweilige Recht zu den wichtigsten zählt. Erkunden Sie mit dem Mauszeiger die Werte in den unterschiedlichen Ländern.

Das Recht (auf) ...

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10. bis 23. Februar 2016

Unsere Erkenntnisse:

  • Das Wahlrecht wird in fünf Ländern (Großbritannien, Frankreich, Schweden, Finnland und Norwegen) als das wichtigste Recht angesehen, in Dänemark und den Vereinigten Staaten jeweils nach dem Recht auf freie Meinungsäußerung als zweitwichtigstes. Lediglich in Deutschland wird es von mehreren Rechten getoppt: Hierzulande gelten die Meinungsfreiheit, die Privatsphäre, die freie Schulbildung, die Gesundheitsversorgung und das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren als am wichtigsten.
  • Das einzige Menschenrecht, dass in allen Ländern von mehr als der Hälfte der Befragten zu den wichtigsten gezählt wird, ist die Meinungsfreiheit.
  • Wie wichtig es die Befragten finden, dass sich jemand so lange frei bewegen kann, bis er oder sie vor Gericht angeklagt wird, variiert von Land zu Land: Knapp die Hälfte der Dänen (49 Prozent) und 40 Prozent der Amerikaner zählen dies zu den wichtigsten Rechten, in Großbritannien, wo dieses „Habeas Corpus“-Recht im 17. Jahrhundert entstanden ist, sagen dies hingegen nur 27 Prozent, in Deutschland noch weniger (18 Prozent).
  • Das Recht auf freie Schulbildung und auf kostengünstige Gesundheitsversorgung werden in sechs von acht Länder von einer Mehrheit zu den wichtigsten Rechten gezählt. Ausnahmen sind Frankreich und die USA. Das amerikanische Ergebnis spiegelt dabei die völlig andere sozialstaatliche Tradition in der neuen Welt wider, während in Frankreich statt dem Recht auf Gesundheit und Bildung finanzielle Rechte (Mindestlohn, Grundrente) eine größere Rolle spielen.
  • Frankreich ist auch in anderer Hinsicht ein Einzelfall: Die Befragten dort finden es mit einigem Abstand am wenigsten wichtig, frei von Diskriminierung zu leben. Spitzenwerte erreichen hingegen das Recht auf Arbeit – und das Recht, gegen die Regierung zu demonstrieren.
  • Wenig überraschend dürfte es für die Meisten sein, dass weit mehr Amerikaner als Europäer das Recht, eine Waffe zu besitzen, für wichtig halten (46 Prozent in den USA, höchstens etwa 6 Prozent in allen anderen Ländern). Auch das „Recht auf Leben“ eines ungeborenen Kindes halten besonders viele Amerikaner für wichtig (30 Prozent), deutlich weniger in Deutschland (13 Prozent) und den anderen untersuchten Ländern (nicht mehr als 8 Prozent).
  • Die Franzosen und Amerikaner pochen auch stärker als andere auf „das Recht, so viel wie möglich vom Einkommen zu behalten“. Bei den Amerikanern geht dies zusammen mit den geringeren Ansprüchen an den Sozialstaat. Bei den Franzosen ist es komplizierter: Auf der Suche nach Sicherheit, Einkommen und niedrigen Steuern erscheinen viele Befragte dort Forderungen an den Staat zu stellen, die sich widersprechen. Vielleicht ist dies zusammen mit der revolutionären Vergangenheit Frankreichs ein Teil der Erklärung für den anhaltenden Erfolg linker und rechter Kräfte in dem Land.
  • In Europa zählen ganz allgemein Eigentumsrechte weniger als soziale Rechte. In Deutschland halten nur 6 Prozent der Befragten das „Recht auf Eigentum“ für eines der wichtigsten Menschenrechte, in Frankreich (14 Prozent), Großbritannien (16 Prozent) und Skandinavien (bis zu 29 Prozent) liegt die Zahl etwas höher – aber immer noch unter dem Niveau der Vereinigten Staaten (37 Prozent).
  • Markante Unterschiede gibt es auch bei einem in der Vergangenheit immer wieder diskutierten Grundrecht: In den meisten Ländern wird das Recht, mit anderen frei zu kommunizieren (z.B. per Brief, Telefon oder E-Mail) ohne Zugriff von Regierungsbehörden als eines der wichtigsten Rechte angesehen: In Deutschland und Skandinavien von etwa vier von zehn Befragten, in den USA immerhin von 35 Prozent – allerdings von deutlich weniger Franzosen (29 Prozent) und Briten (21 Prozent).
  • Das Recht homosexueller Paare zu heiraten, erreicht allgemein eher niedrige Werte. Die Zahlen reichen dabei von 10 Prozent (Finnland) bis 19 Prozent (USA). Zwar zeigen YouGov-Umfragen immer wieder, dass eine Mehrheit die „Ehe für alle“ befürwortet – sie wird aber offenbar nicht als so wichtig angesehen wie andere Rechte auf unserer Liste.
  • In sechs der acht Länder wird das Recht von Frauen auf eine Abtreibung zu haben als wichtiger angesehen als das „Recht des ungeborenen Kindes auf Leben“. Ausnahmen sind Frankreich, wo beide Rechte lediglich 13 Prozent erreichen, und die USA. Die Länder mit der größten Unterstützung des Rechts auf Abtreibung sind Dänemark und Schweden.

Dies sind dabei nur die wichtigsten Erkenntnisse. Jeder Punkt verdiente einen eigenen Text, wenn nicht gar ein eigenes Buch. Denn es gibt nicht nur Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, sondern auch zwischen den Bevölkerungsgruppen innerhalb dieser.

Dabei zeichnen die Ergebnisse keinesfalls ein vollständiges Bild davon, was die Menschen in den acht Ländern über die Menschenrechte denken – es ist aber ein Anfang. Sie zeigen uns, welche in den vergangenen Jahrzehnten erkämpften und erreichten Menschenrechten von den Menschen besonders geschätzt werden. Es ist, soviel ich weiß, die erste Umfrage ihrer Art.

Es wird aber nicht die Letzte bleiben. Zu verstehen, was die Öffentlichkeit über Menschen- und Bürgerrechte denkt, wie sie gefördert und verteidigt werden können, ist eine nie endende Aufgabe. Und eine wichtige – genauso, wie den Menschen, die diese Öffentlichkeit ausmachen, eine Stimme zu geben. Das ist es, was YouGov in den vergangenen 15 Jahren ausgemacht hat – und auch in Zukunft ausmachen wird.

Peter Kellner ist noch bis zum 31. März Präsident der YouGov-Gruppe mit Sitz in London. Vorher arbeitete er unter anderem als Journalist und politischer Kommentator.

Für den aktuellen YouGov Eurotracker wurden insgesamt 8197 Personen vom 18. bis 25. Februar 2016 in sechs EU- und einem Nicht-EU-Land repräsentativ befragt: 1696 Briten, 2008 Deutsche, 1000 Franzosen, 1014 Dänen, 1022 Schweden, 967 Finnen und 490 Norweger. In Deutschland wurde die Befragung im Rahmen des YouGov Omnibus durchgeführt.

Foto: Press Association


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